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Am zweiten Adventssonntag des Jahres 1972 wurde unsere heutige Marienkirche feierlich eingeweiht. Am kommenden Sonntag, dem zweiten Adventssonntag dieses Jahres, feiern wir ihren fünfzigsten Geburtstag. Ihr Alter ist der Kirche kaum anzusehen, wurde sie doch frisch renoviert und im letzten Jahr in neuem Glanz wiedereröffnet.
Vermutlich wäre es üblich, anlässlich des Jubiläums ein paar historische Daten zu nennen, ehemalige federführend Verantwortliche und Akteure namentlich aufzuführen und die Entstehungsgeschichte näher zu beleuchten.
Ich habe zu St. Maria eine sehr persönliche und berührende Beziehung, und ich glaube, ich bin besser geeignet, darüber zu erzählen. Allen Geschichtlich- und Fakteninteressierten möchte ich den Kirchenführer ans Herz legen, der in diesem Jahr veröffentlicht wurde, inhaltlich und auch fürs Auge sehr gut gelungen und in unseren Pfarrbüros erhältlich ist.
Am 2. Juni 2013 wurde ich im Rahmen eines Gottesdienstes in der Marienkirche als Jugendreferent feierlich eingeführt. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Geruch der Fußmatten aus Kokosfasern im Eingangsbereich, bevor diese bei der Renovierung durch andere ersetzt wurden? Für mich stellte er den ersten Eindruck beim Betreten der Kirche dar, und ich fühlte mich schlagartig in meine Vergangenheit zurückversetzt. Genauso roch es, wenn ich als Kind oder Jugendlicher die Marienkirche betrat. Meistens sind es ja die Menschen, aber oft eben auch so Dinge wie Gerüche, Bilder oder Geräusche, die man mit dem Gefühl von Heimat verbindet. Ich fühlte mich also in St. Maria sofort zu Hause.
Dabei gestaltete sich unsere Beziehung anfangs eher holprig: Als ich geboren wurde, wohnte meine Familie in der Kantstraße, zweifelsfrei St. Maria-Gebiet. Dennoch wurde ich in der Salvatorkirche getauft, was daran lag, dass sich St. Maria noch im Bau befand.
Heute kaum noch vorstellbar, hielt man damals eine katholische Kirche mit „nur“ 380 Sitzplätzen in Aalen für unterdimensioniert. So kamen der Bedarf an Jugendräumen und eines Gemeindezentrums, der Bau der Hochbrücke und die fehlenden Kapazitäten zusammen, um, obwohl bereits seit 1868 eine Marienkirche bestand, die alte abzureißen und eine neue zu bauen.
Als Kind faszinierten mich die Stoffbahnen in kräftigen Farben (rot, grün, violett…), die von der 18 Meter hohen Decke im Altarraum herabhingen. Mein Vater war damals Textiltechniker bei der Lindenfarb in Unterkochen, und er behauptete, um mich zu foppen, dass dort in der Kirche die Stoffbahnen zu Testzwecken und um ihre Strapazierbarkeit zu prüfen aufgehängt wurden. Ich glaubte ihm natürlich und fühlte mich, jung und unerfahren, wie ich war, mächtig stolz, dass mein Vater an so wichtigem Werk beteiligt war, dass sich sogar die Kirche anbot, diese Forschungen zu unterstützen. Erst, als ich größer war, verstand ich, was die Farben tatsächlich bedeuteten.
Irgendwann in den späten 80-ern wurden die Stoffbahnen durch den Marienteppich ersetzt, der bis heute in der Kirche hängt. Er wurde von Helmut Schuster entworfen. Helmut Schuster war nicht nur ein Künstler, von dem heute geschrieben wird, „sein Element sei die Farbe“ und er bewege sich „zwischen Gegenstand und Abstraktion“, er war auch mein Kunstlehrer am THG in Klasse 10 und 11.
Auch wenn ich das Entstehen des Wandteppichs nicht verfolgt habe, hat es für mich doch etwas Besonderes, zu wissen, dass der Marienteppich von „meinem“ Kunstlehrer gestaltet wurde.
So sehr mich das Gebäude St. Maria und seine Architektur auch faszinieren, ist es doch die Gemeinschaft aus Männern, Frauen, Kindern und Jugendlichen, die vor allem von Belang sind, die Kirche ausmachen und Gemeinde mit Leben füllen.
Ich freue mich, dass auch nach 50 Altersjahren des Gebäudes und 150 Jahren, die die Pfarrei auf dem Buckel hat, immer noch Leben existiert, Ideen entstehen, Begegnungen stattfinden und, vor allem, unser Christsein gemeinsam gefeiert wird. Und ich wünsche unserer Gemeinde, dass sie auch in weiteren 50 Jahren noch vor Leben sprüht.


Martin Kronberger Jugendreferent und Gemeindecaritas

Bild: mk-fotografie