Vor Kurzem hielt ich im Allgäu bei einer Goldenen Hochzeit von Freunden einen Dankgottesdienst. Anschließend waren alle zu einem guten Mittagessen eingeladen, und den Kaffee gab es auf einer Alpe mit bester Sicht auf die Berge. Dabei kam ein älterer Herr auf mich zu und fragte mich, ob ich der Pfarrer sei. Und als ich das bejahte, sagte er zu mir, ohne sich vorzustellen, dass er Atheist sei. So weit, so gut, bei einem Fest trifft man ja immer auf ganz verschiedene Menschen. Was mich erstaunte, war, dass dieser ältere Herr jedes Mal, wenn ich den Sitzplatz wechselte, über kurz über lang neben mir saß und mich daran erinnerte, dass er Atheist sei. Auf der Rückfahrt nach Aalen dachte ich darüber nach, warum mich dies nicht interessierte. Ich kam zum Schluss, dass der Atheismus langweilig ist.
Seit meinen Schultagen wurde mir so viel darüber erzählt, ja, meine Religionslehrer überschlugen sich, um uns mit der Religionskritik zu konfrontieren. So wuchs ich mit den Gedanken auf, dass Religion eine Projektion des Menschen sei (Feuerbach), sie Opium des Volkes bzw. für das Volk sei (Marx bzw. Lenin) und dass Freud ja sowieso durch die Psychoanalyse Religion entzaubert habe. Auch an der Universität wurde vor jeder religiösen Naivität gewarnt, der Auferstehungsglaube in Frage gestellt und die meisten Professoren hielten sich äußert bedeckt, wenn es um ihren persönlichen Glauben ging.
Ich bin so aufgewachsen, dass die Nichtexistenz Gottes das Allerwahrscheinlichste und Allernatürlichste sei und dass man allein seinem Verstand trauen dürfe.
Viel, viel interessanter waren aber für mich die Fragen: Warum glauben Menschen dennoch? Warum richten manche ihr Leben nach Gott aus? Gibt es etwas zu erkennen und zu verstehen, das der Verstand nicht erfassen kann? Und dann war ich plötzlich bei mir, beim Sprechen und Hören mit dem, den ich nicht sehe, bei den tiefen Gefühlen, die mir eine Brücke in eine andere Welt waren, bei dem, was hinter den Dingen der sichtbaren Welt lag. Und ich war neugierig auf diese Welt, die mich beim Gebet und den Gottesdiensten berührte, die mir von der Gottesliebe erzählte, von der Verantwortung für das Gelingen des Lebens und einer Welt der Fairness, vom Scheiternkönnen und doch nicht verloren zu gehen. Und wenn es darum ging, hatte ich die Ohren weit aufgemacht, mich darin erkannt oder den Kopf geschüttelt: „Nein, so kann es nicht stimmen.“, habe darin Dichte, Hoffnung und Sinn erfahren.
Und wenn dann Atheisten die Augen verdrehten und meinten, dass ich doch sonst ein kluger Kopf sei, wenn sie mich diesbezüglich in einer voraufgeklärten Entwicklungsstufe wähnten, dann wusste ich doch, dass ich in der gleichen Zeit wie sie aufgewachsen war, die gleiche Bildung und die gleichen kollektiven Erfahrungen wie sie gemacht hatte und dennoch wusste, dass es ein Mehr an Erkenntnis und Erfahrung gibt, die nicht von dieser Welt sind.
Bis heute interessiert mich dies. Atheismus, so finde ich, ist langweilig, Glaube aber ein Abenteuer.
Das meint Ihr
Pfarrer Wolfgang Sedlmeier
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