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Von der Decke tropft es stetig in den halbvollen Eimer. Die neue Zeitrechnung für Gottesdienste in der Bonifatiuskirche. Spätestens nach dem mütterlichen Segen der Priesterin ist der Eimer voll. Sie hat erst im vergangenen Sommer hier angefangen und sich, wie sie sagt, gut eingelebt. Die drei verbliebenen Gottesdienstbesucherinnen sind zusammen 287 Jahre alt. Während der Wandlung sind sie ganz bei der Sache. Worte kommen in ihren Ohren nicht mehr vor, geschweige denn an. Seit die römische Glaubensmedikation die Segnung von Kläranlagen verbot, gab die letzte Austrittseruption der Kirchengemeinde den Rest. Die darauf folgende Kirchenreform kam leider Gottes zu spät, denn dieser verließ kurz zuvor das sinkende Schiff.


Schöner Unsinn. So abgründig müssen wir nicht sehen, denn wie üblich stirbt die Hoffnung zuletzt. In diesem Jahr ist die Bonifatiusgemeinde allerdings Spitzenreiterin bei den Kirchenaustritten. 23 sind es bisher, davon gut die Hälfte junge Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren. Der Zusammenhang mit der Ablehnung der Segnung von homosexuellen Paaren ist offensichtlich. Ein Teilchenbeschleuniger, der den Austritt leicht macht. Kirchenrechtlich mag diese Ablehnung, rückwärts gewandt, zu begründen sein. Die Mehrheit der Menschen deutet es einfach als Diskriminierung. Offenbar verliert die katholische Kirche vollends das Gespür für die Lebenswelt der Menschen, für eine aufgewühlte, überdrüssige Gesellschaft, die in Zeiten des Stillstands anfällig ist. Damals bei der Pille war es ähnlich. Absicht und Wirkung gingen so weit auseinander, dass selbst konservativste Kreise über die drastischen Reaktionen der Frauen erschüttert waren. Schweigen wäre in beiden Angelegenheiten zumindest besser gewesen. Viele fragen sich, ob sich der Fall Galilei bezüglich der lehramtlichen Einstellung zur sexuellen Vielfalt wiederholt, denn so gesehen dreht sich die Sonne immer noch um die Erde. Es ist mittlerweile tragisch, dass die katholische Kirche die heilsamen Erkenntnisse der neueren theologischen Forschung konsequent ignoriert.


Wie schön wäre es, wenn gerade junge Menschen ihren Einsatz für eine nicht nur klimatisch bessere Welt ganz selbstverständlich religiös begründen: „und Gott sah, dass alles gut war“. Wie schön wäre es, wenn die Botschaft von Ostern unserem Alltag eine tragfähige Hoffnung geben würde: „durch das Dunkel hindurch scheint der Himmel hell“.


Der verstorbene Hans Küng gab zeitlebens zu denken. Als ihm einst die Lehrerlaubnis entzogen wurde, kam unser Religionslehrer mit verheulten Augen in den Unterricht. Ohne die Probleme der Welt zu überspielen, lohnt es sich nach Küng Christ zu sein, denn „es leuchtet ihm auch dort noch Sinn auf, wo die reine Vernunft kapitulieren muss, auch in sinnloser Not und Schuld, weil er sich auch da, weil er sich im Positiven wie im Negativen von Gott gehalten weiß.“


Pastoralreferent Wolfgang Fimpel