Seite wählen

Vermutlich kennt jede/r von uns Menschen aus dem Familien- oder Bekanntenkreis, die ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt haben. Ich denke da an einen Cousin meines Vaters und eine Freundin meiner Eltern, die nach dem Tod des Ehepartners keinen Sinn mehr in ihrem Leben sahen. Die Einsamkeit, die Unfähigkeit nochmals Beziehungen einzugehen, die Ungewissheit des Alters… was auch immer. Ich denke an einen Schulkameraden, der lebenslustig, intelligent und kreativ war, einer, mit dem man gerne zusammen und dessen Gesellschaft willkommen war. Für mich völlig unerwartet fiel er in eine große Depression und warf sich in dieser vor ein Auto. Und je länger ich nachdenke, fallen mir Namen, Gesichter und Geschichten ein, von Menschen, die ich kannte und die willentlich und gewaltsam ihr Leben beendeten. Von den meisten, die ich kannte, wusste man nicht, warum sie dazu fähig waren. Es muss sie Furchtbares belastet haben, dass für sie der Tod besser als das Leben war. Was ich weiß, war ihr Weg zum Suizid sehr einsam.
Nun steht durch die Kesslerzwilinge, die sich zu zweit und durch Hilfe von Dritten das Leben nahmen, das Thema wieder einmal im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Mich schaudert es, dass Menschen bei der Selbsttötung assistieren, alles wissen und zugegen sind, wenn Menschen sich selbst umbringen. Kann man bei einem verzweifelten Menschen vom freien Willen sprechen, wenn er tut, was er dann tut? Ja, ich weiß darum, dass sich alte Menschen oft einsam und entwertet fühlen. Dann sagen sie Sätze wie: „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich auf der Welt bin. Ich bin unnütz. Ich bin eine Last. Ich warte nur noch auf das Sterben. Hat der Hergott mich denn vergessen?“ Brauchen solche Gedanken und Worte nicht Widerspruch?
Ich begreife nicht, wie man Verzweifelte, Einsame, Lebensüberdrüssige in ihrer Verlorenheit bestätigen kann und ihnen sagt: „Wenn du es alleine nicht schaffst, dann helfe ich dir, dich selbst umzubringen.“ Was ist, wenn einer sagt, ich bin unwert, und nicht widersprochen wird, sondern im Raum steht, du musst nicht leben, es gibt da eine Alternative. Und wenn das höchste Gericht sagt, es ist dein Menschenrecht, dass dir jemand beim Sterben hilft, dann hat sich meiner Meinung nach eine Grenze ins Unmenschliche verschoben. Kardinal Marx aus München hat in diesen Tagen gesagt: „Es ist nicht gut, durch die Hand eines anderen Menschen zu sterben, sondern an der Hand eines anderen.“ Bequemer ist es auf alle Fälle, mit dem Siegel vermeintlicher Menschenfreundlichkeit einem Menschen beim Selbstmord zu helfen, als bei einem Verzweifelten auszuharren, seine Ängste und Nöte auszuhalten und ihn nicht allein zu lassen.
Manche stellen die Frage, ob es denn heute noch Christen brauche. Ich meine, ja, dringender denn je.
Das meint Ihr


Wolfgang Sedlmeier
Foto: Peter Weidemann/Pfarrbriefservic