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In der katholischen Spiritualität spielen die sogenannten drei „evangelischen Räte“ eine besondere Rolle. Es geht eigentlich um Formen des Verzichts, wenn von Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam die Rede ist. Menschen, die sich ganz in den Dienst für Gott geben wollen, sollen frei von der Exklusivität von Beziehungen, vom Streben nach materieller Sicherheit und von der Verwirklichung eigener Interessen werden, um so zu zeigen, dass Gott allein genügt und sie so frei werden, sich ganz in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen. Seltsam ist, wie sich die Dinge dabei entwickelt haben. Beim Gehorsam z.B. wird dieser an den Oberen übertragen. Der Obere in der Hierarchie der Kirche nimmt dabei die Stelle Gottes ein. Ein seltsamer Gedanke, da Jesus ausdrücklich sagt, dass man sich nicht Vater oder Meister nennen lassen soll, da nur einer Vater und Meister ist, der im Himmel. Aber in der Kirche tummeln sich viele Väter, Äbte, geistliche Väter, Obere und Päpste, die Gehorsam für sich einfordern. Jeder Priester muss seinem Oberen, d.h. meist dem Bischof, Ehrerbietung und Gehorsam versprechen, da er sonst nicht geweiht wird. Natürlich lässt sich dadurch gut gestalten, wenn nur einer das Sagen hat und wenn durch Diskussionen und Auseinandersetzung keine Kräfte verloren gehen.
Aber fehlt mit dieser Art des Gehorsams von oben nach unten dann nicht doch etwas? Natürlich fehlt dann etwas, nämlich die Geistesgaben und Geisteserkenntnis der Vielen, denn der Geist Gottes ist über alle ausgegossen und kennt keine Exklusivität für Amtsträger. So leidet unsere Kirche darunter, dass die Bischöfe ihren Gehorsam immer nur hierarchisch von oben nach unten verstanden haben: Von Rom kommen die Weisungen, die von ihnen umgesetzt werden müssen. Ein Gehorsam von unten nach oben würde bedeuten, dass sie die Realitäten in ihren Diözesen wahrnehmen und gegebenenfalls widersprechen und andere Wege einfordern. So war es jahrzehntelang einfach Brauch, dass die Bischöfe ihre Aufgabe in der Beschwichtigung gesehen haben. Zwar betonten sie z.B. stets, wie wichtig der priesterliche Dienst für die Kirche sei, aber neue Zugänge zum Priesteramt einzufordern traute sich kaum einer. Wie oft hörte ich den Satz: „Es hat keinen Zweck mit Rom zu streiten, da ist nichts zu machen.“ Einseitiger Gehorsam kann sehr bequem sein, da man sich die kräftezehrenden Prozesse der Auseinandersetzung erspart. Viel leichter war es da immer, Priester, die heiraten wollten, in die Verbannung zu schicken, obwohl man wusste, welch spirituelle Qualitäten sie hatten. Nun haben wir das Resultat dieser Entwicklung, dass es fast nur noch alte Priester und fast keine Priesteramtskandidaten mehr gibt.
Gehorsam darf nicht einseitig sein. Er ist gut, wenn er zum Aufbau hilft, Menschen ermutigt und ihnen hilft, eigene mentale Grenzen zu überschreiten. Er ist schädlich, wenn damit wichtige Prozesse verhindert werden. „Prüft alles, das Gute aber behaltet“ (1 Thes 5, 21), meinte Paulus einmal. Er hat 11 Aposteln widersprochen, als sie alles beim Alten lassen wollten und dafür gekämpft, dass auch Nichtjuden Christen werden konnten. Sein Widerspruch war ein ganz wichtiger Dienst für das Reich Gottes. Gehorsam in der Kirche ist also nicht per se gut, sondern er muss sich fragen lassen, ob er dazu dient, dass das Gottesreich kommen und der Wille Gottes geschehen kann. Ansonsten muss Gott mehr gehorcht werden als den Menschen.


Das meint Ihr Wolfgang Sedlmeier
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