Seite wählen

Liebe Schwestern und Brüder,
heute melde ich mich als Kroate, als Kroatenseelsorger in Aalen, Ellwangen und Heidenheim. Kurz vor dem Jahreswechsel verwüstete ein Erdbeben in Zentralkroatien Städte und Dörfer. Das erste Erdbeben der Stärke 6,4 in dieser Region hat große Zerstörung angerichtet. Besonders betroffen sind die Kleinstädte Sisak (ca. 50.000 Einwohner), Petrinja (25.000 Einwohner) und Glina (5.000 Einwohner) sowie die dazwischenliegenden Dörfer. Die Stadt Petrinja in der Region Sisak wurde so stark zerstört, dass sie unbewohnbar ist. Seitdem bebt die Erde immer wieder, es wurden 300 Nachbeben verzeichnet.
Mich berührt das besonders, weil ich, bevor ich meinen Dienst hier in Aalen und Umgebung angetreten habe, in dieser Region Pfarrer war und heute noch viele Freunde und Kontakte dorthin habe. Ständig stehe ich im Kontakt mit der Bevölkerung vor Ort bzw. auf dem Gebiet, das im Epizentrum des Erdbebens liegt. Wie immer sind es die Bedürftigsten, die es jetzt in der kalten Jahreszeit so hart trifft. Die Situation in den betroffenen Gebieten ist dramatisch, und langfristige Hilfe ist nötig. Zahlreiche Häuser und Gebäude sind so schwer beschädigt, dass sie nicht wiederaufgebaut werden können. Die Menschen wollen ihre zerstörten Häuser jedoch nicht verlassen, weil sie ihr Anwesen und Vieh versorgen müssen oder Angst vor Plünderungen haben. Auch wenn Kroatien sich in den letzten Jahren gut entwickelt hat, leidet das Land noch immer unter den Folgen des Krieges, der vor 30 Jahren endete.
Viele meiner damaligen Gemeindemitglieder verloren über Nacht ihr Dach über dem Kopf, Hab und Gut, Kleider und Möbel. Die Beben haben tausende Häuser zerstört, darunter auch Krankenhäuser und Kirchen. Die am stärksten vom Beben betroffenen Orte befinden sich in einem extrem strukturschwachen Gebiet des Landes.Infrastruktur, Krankenhäuser und Straßen wurden in den letzten 30 Jahren vernachlässigt, besonders betroffen sind Dorfbewohner in abgelegenen Gebieten. Sie müssen in den Kellern der zerstörten Häuser oder in Garagen, Autos oder unter provisorischen Nylon- oder Planen-Dächern übernachten.
Am 30.12. bekam ich einen Hilferuf einer Familie, die mit einem Neugeborenen im Auto schlief. Ich habe mich auf die Suche nach einem gebrauchten Wohnwagen gemacht und Gott sei Dank auch schnell einen gefunden. Trotz schwieriger Umstände, da es aktuell wegen der Corona-Pandemie nicht so einfach ist, alles entsprechend zu organisieren, ist es mir gelungen, dieser Familie zum Jahreswechsel ein Dach über dem Kopf zu sichern. Die Verzweiflung nach den Erdbeben ist groß. Eine andere 6-köpfige Familie hat als erstes ihr Haus verloren. Sie sind übergangsweise in die Garage gezogen, die einigermaßen sicher war. Am Dreikönigstag hat ein Nachbeben auch diese zerstört. Ich machte mich auf die Suche nach einem weiteren Wohnwagen. Gott sei Dank hat auch diese Familie jetzt vorübergehend ein Dach über dem Kopf.
Als ich am 01.01. und am 09.01.2021 in der Erdbebenregion war, hat mich die Menge junger Menschen überwältigt. Aus allen Gegenden Kroatiens kommen diese wunderbaren jungen Menschen, um bedingungslos zu helfen, wo immer sie gebraucht werden. So waren z.B. am Samstag nur in einem Caritasstützpunkt in Sisak über 310 freiwillige junge Helfer vor Ort. Das berührt einen sehr.
Betroffen war ich auch, als ich gesehen habe, wie Menschen im freien ein Lagerfeuer machen und ganze Familien um das Feuer sitzen, um sich etwas aufzuwärmen. Sie haben keine andere Möglichkeit, da das Haus beschädigt, unsicher oder gar ganz zerstört ist.
Ich konnte mich selbst von der Zerstörung, dem Leid und der Hilflosigkeit der Menschen überzeugen. Es ist eine totale Katastrophe. Vor allem für diejenigen, die bereits im Krieg alles verloren haben und sich vor 25 Jahren ein neues Zuhause aufgebaut haben. Als die Flut 2014 kam, haben sie wieder alles verloren. Und nun erleiden sie zum dritten Mal das gleiche Schicksal. Viele sind obdachlos, sind also draußen oder kommen in ihrem Auto unter. Die Häuser sind entweder eingestürzt oder einsturzgefährdet. Die Angst vor Nachbeben ist groß.
…hier, wo sich Füchse und Wölfe in der Tat noch „Gute Nacht“ sagen! Wo sich Kroaten und Serben vor dreißig Jahren Mann gegen Mann bekämpft haben! Wo seither trotz der geografischen Nähe zur Hauptstadt schon mehrere Zagreber Regierungen wenig gegen die Armut der Bewohner unternommen haben! Wo jetzt das Erdbeben jede einzelne Bausünde aufgedeckt hat!
Ja, und mit der aktuellen Naturkatastrophe sind einfach viele überfordert: „Die Erdbeben sind schlimmer als Krieg“; „Im Krieg weißt du, woher dein Feind kommt. Im Moment wissen wir nicht, wie wir uns schützen sollen.“
Der Landkreis mit der hohen Arbeitslosenrate und dem Image des Waldviertels vor dem Fall des Eisernen Vorhangs hat im Krieg und auch danach zigtausende Menschen verloren. Das Erdbeben könnte nun dieser Region den Rest geben.
Der Wiederaufbau wird sehr lange dauern, und momentan ist es nicht voraussehbar, weil die Erde immer noch nicht zur Ruhe gekommen ist. In der Gegend von Sisak sind an den Flüssen Save und Kupa Brücken gebrochen, auch einige Dämme sind dort beschädigt. Und wenn diese Dämme brechen sollten, dann haben die Menschen zudem noch mit einer Überflutung zu kämpfen. Die Dämme werden zwar Stück für Stück ausgebessert. Doch was genau passiert, dass wird sich zeigen. Sobald die Erdbeben aufhören und man mit den Aufräumarbeiten beginnen kann, dauert es meiner Schätzung nach mehrere Jahre, bis sich die Lage wieder normalisiert. Und genau in dieser Zeit brauchen die Menschen weiterhin Unterstützung, weil nach einigen Wochen niemand mehr an das Unglück denkt. Ich möchte die Betroffenen begleiten, bis sie sich selbst wieder helfen können.
Die Menschen sind durch zahlreiche Nachbeben traumatisiert, daher wird auch psychosoziale Hilfe noch über lange Zeit benötigt. Freiwillige und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wie der kroatischen Caritas bringen Hilfsgüter zu den Menschen, die Häuser und Wohnungen verloren haben und schwer erreichbar sind, weil Straßen teils unpassierbar sind. Sachspenden von Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Kleidung und Schuhen gibt es nach Angaben der kroatischen Caritas derzeit ausreichend. Allerdings bedarf es auch einer längerfristigen finanziellen Unterstützung, damit den Menschen dort gezielt und nachhaltig geholfen werden kann.
Dringend benötigt werden Planen, Zelte, Decken, Heizstrahler, verschiedene Baustoffe, Werkzeuge und Stromaggregate.
Bischof Vlado Kosic war während des Krieges Pfarrer in Petrinja und hat sehr viel Erfahrung mit der Arbeit der Caritas. Die junge Diözese hat er hervorragend organisiert. Er hat alles in die Wege geleitet, dass dort täglich 100 bis 200 ehrenamtliche Helfer vor Ort den Bedürftigen helfen.

Pfarrer Vilim Koretic

Katholische Gesamtkirchengemeinde Aalen
Konto: DE15 614 500 5001 1000 4408
Stichwort: „Erdbebenhilfe Kroatien“