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Die Hilfsbereitschaft für ukrainische Flüchtlinge in Aalen ist nach wie vor ungebrochen. Auf ganzer Linie ein voller Erfolg ist auch die Möbelspendenaktion, die die katholische Gesamtkirchengemeinde organisiert hat. Die Flut an Spenden reißt nicht ab, sagt die Organisatorin Heike Kuschill. Um die Möbel in den Wohnungen der Geflüchteten aufzustellen, werden allerdings ehrenamtliche Helfer gesucht. Sich um Flüchtlinge zu kümmern, ist schon immer das große Anliegen der katholischen Gesamtkirchengemeinde gewesen. Zahlreiche Projekte sind vom Ausschuss „Mission-Entwicklung-Frieden“, in dem jeweils zwei Kirchengemeinderatsmitglieder von Salvator, St. Maria und St. Bonifatius vertreten sind, in den vergangenen fast drei Jahrzehnten verwirklicht worden. Coronabedingt sind Treffen allerdings nicht mehr möglich gewesen, auch Projekte sind der Pandemie zum Opfer gefallen. „Jetzt haben wir die Aktivitäten wieder aufleben lassen“, sagt Heike Kuschill.
Angesichts des Kriegs in der Ukraine sei schnell klar gewesen, den vor allem geflüchteten Frauen und Kindern zu helfen, die von jetzt auf nachher in ihrer Heimat alles hinter sich lassen mussten und mit nur wenigen Habseligkeiten die beschwerliche Flucht gen Westen angetreten haben. Zahlreiche Flüchtlinge sind auch in Aalen angekommen. Sowohl Privatpersonen als auch die Aalener Wohnungsbau haben für sie Wohnungen zur Verfügung gestellt. Da viele davon allerdings nicht möbliert sind, startete die katholische Gesamtkirchengemeinde einen Aufruf, der hohe Wellen geschlagen hat.
Dass sich bereits am ersten Tag nach der Veröffentlichung in den Medien so viele Menschen melden würden, hätte Heike Kuschill, die als Kirchgemeinderätin von St. Bonifatius die Aktion federführend organisiert, nicht gedacht. Bereits in den ersten Tagen seien so viele Möbelspenden eingegangen, dass sie kaum noch Zeit gehabt habe, diese alle abzuarbeiten.
Angeboten wurde alles: Von der Matratze über Bettwäsche bis hin zu Geschirr. Sogar das Mobiliar ganzer Zimmer und Wohnungen hätten Bürger als Spende zur Verfügung gestellt, die wegen eines Umzugs die Einrichtung nicht mitnehmen konnten. Solches sei auch im Rahmen von Haushaltsauflösungen angeboten worden, weil der Bewohner entweder verstorben sei oder in ein Alten- oder Pflegeheim umziehen musste, sagt Kuschill.
Da die Wohnungen der ukrainischen Flüchtlinge allerdings alle eher klein seien und hier keine riesigen Wohnwände installiert werden könnten, mussten einige Spenden abgewiesen werden. Nicht angenommen werden konnten auch Spenden von Bürgern, die außerhalb von Aalen wohnen. „Leider“, sagt Kuschill. Da es allerdings keine Sammelstelle für Möbel gebe, müssten diese abgeholt werden. Und um für ein Möbelstück nach Neresheim oder Böbingen zu fahren, würde den ehrenamtlichen Mitarbeitern, die diese Aufgabe neben ihrem Beruf stemmen, keine Zeit bleiben. Und die Angehörigen des Technischen Hilfswerks, die bei der Aktion mithelfen, könnten auch nicht immer einspringen.
Gemeinsam mit diesen sei bereits in der ersten Maiwoche eine Großaktion gestartet worden. „An einem Tag waren wir gemeinsam mit ihnen zwölf Stunden unterwegs, um Spenden abzuholen und in den jeweiligen Wohnungen zu deponieren“, sagt Kuschill. Dabei geholfen hätten auch ukrainische Flüchtlinge, die den ehrenamtlichen Helfern der Kirchengemeinde auch bei weiteren Abholaktionen unter die Arme greifen würden. Für solche konnten mittlerweile auch die Aalener Pfadfinder gewonnen werden, die sich bereiterklärt hätten, sich in ihrer Freizeit zu engagieren.
Das hohe Aufkommen an Möbelspenden habe Kuschill anfangs unterschätzt. Auf ihrem iPhone gingen täglich zahlreiche Anrufe von Spendern ein, und der Strom reiße nicht ab. Mittlerweile würden sich die Zettel auf ihrem Schreibtisch häufen. „Alle Spenden werden abgearbeitet, doch das kann eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen“, sagt die Organisatorin, die mittlerweile von einer ehrenamtlichen Helferin unterstützt wird.
Aufwändig sei die Koordination der Abholung und Verteilung der Möbel. „Wir müssen schauen, wo welcher Bedarf besteht und wo noch etwas fehlt“, sagt Kuschill. Wichtig sei es in erster Linie, dass die Flüchtlinge erst einmal ein Bett zum Schlafen, einen Tisch zum Essen, ein Sofa und genügend Geschirr zum Essen haben. Oftmals müsse auch sofort reagiert werden, wenn etwa eine Frau mit ihrem Kind oder ihren Kindern eine Wohnung sofort beziehen muss, weil sie ansonsten keine anderweitige Möglichkeit hat, unterzukommen. Dann müssten die Möbel sofort dorthin geliefert und aufgebaut werden.
Sachspenden mit Ausnahme von Waschmaschinen werden derzeit keine benötigt. Zuerst müssen die vorhandenen Möbel in den Wohnungen Einzug halten. Diesbezüglich seien vor allem am Vormittag Ehrenamtliche gefragt, die diese aufbauen. Rund zwölf Wohnungen hat Kuschill bereits eingerichtet. Zum Teil seien auch die künftigen Bewohner vor Ort gewesen. Sich mit den überwiegend weiblichen Flüchtlingen, die nahezu kein Englisch sprechen, zu verständigen, sei schwierig. „Wenn unsere Dolmetscherin nicht dabei ist, wird auf den Google-Übersetzer oder auf die Kommunikation per Hände und Füße zurückgegriffen“, sagt Kuschill.
Traumatisiert von dem Krieg in ihrem Land und den Strapazen der Flucht würden sich nur wenige ihre Sorgen von der Seele reden. Doch unabhängig von Gesprächen gebe es Erlebnisse, die unter die Haut gingen. „Wenn ein Hubschrauber oder ein Flugzeug am Himmel zu sehen ist, zittern die Frauen und werden blass.“ Die Frage, ob jetzt gleich die Panzer kommen, gehe Kuschill jedes Mal durch Mark und Bein. Bewegend seien auch Momente, wenn sie oder ein anderer Ehrenamtlicher einem kleinen Kind ein Spielzeug in die Hand drückt und dieses daraufhin sofort Tränen in den Augen hat. „In solchen Augenblicken weiß ich, wie gut es meine drei Kinder haben.“
INFO: Wer Interesse hat, ehrenamtlich mitzuwirken, kann sich während der Sprechzeiten telefonisch oder per WhatsApp unter 0162 / 5852093 bei Heike Kuschill von der katholischen Kirchengemeinde Aalen melden. Die Sprechzeiten sind montags von 9 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 14 bis 18 Uhr. Gesucht werden derzeit vor allem Helfer für den Aufbau der Möbel.


Im Namen aller Vorsitzenden der Missionsausschüsse der Seelsorgeeinheit
Alexander Spilner