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Der Gute Hirte (Joh 10, 11-18)

Grüß Gott, ihr lieben Schafe.
Ich hoffe, ihr fühlt euch nicht beleidigt durch diese vertrauliche Anrede. Aber schließlich gehören wir doch alle zur Herde dieses einen großen Hirten, den wir am Sonntag wieder feiern werden. Sie wissen sicher schon, von wem ich spreche. Heute will ich euch erzählen – zumindest einen Teil davon – was in diesem Bild vom Guten Hirten versteckt ist.
Ich behaupte, wenn ich euch bitte, einmal kurz mit Grasen aufzuhören, die Augen zu schließen und euch den Guten Hirten vorzustellen. Er hat eines von uns (Schafen), über die Schulter gelegt. Er war ihm nachgegangen, denn es hatte sich verlaufen.
Der Gute Hirte ist eines der ältesten Christusbilder, die wir kennen. Ein Bild, das Vertrauen weckt. Die Wurzeln für dieses Bild sind aber noch viel älter und finden sich auch im Alten Testament.
Das Volk Israel war Jahrhunderte lang ein Volk von Hirten, genauer von Nomaden. Die Tiere waren ihr Reichtum, ihr wertvollster Besitz. Auch nach der Sesshaftwerdung waren die Hirten tragende Mitglieder der Gesellschaft.
Sprachbilder aus der Welt der Hirten waren den Menschen geläufig. So blieb es nicht aus, dass auch die Priester, die Propheten und vor allem die Könige als Hirten des Volkes Israel bezeichnet werden konnten. Und nicht zuletzt natürlich auch Gott als der Hirte.
Allerdings hat das Bild, das sich da mit dem Hirten verbindet, wenig mit dem idyllischen Bild des Guten Hirten zu tun, das vorhin vor unseren Augen erschienen ist. Denn mit Idylle hatte das Leben der Hirten damals (wie heute) nichts zu tun. Vielleicht erinnern Sie sich an diese Geschichte von David und Goliath. David, der die Schafe und Ziegen seines Vaters hütete, besiegte Goliath mit seiner Steinschleuder. Als Hirte musste er mit dieser Waffe umgehen können, um seine Herde gegen wilde Tiere zu verteidigen. Die Steinschleuder fehlt bei unserem Bild des Guten Hirten, aber nicht der Hirtenstab. Nicht ohne Grund ist der Hirtenstab zum Bischofsstab geworden. Es ist ein Zeichen für Machtanspruch, für Führungsanspruch, aber auch für Fürsorgepflicht und Verantwortung.
Hirte zu sein ist ein harter Job. Bei Wind und Wetter draußen. Keinen freien Tag, keinen Urlaub. Von morgens bis abends im Dienst. Abhängig vom Gedeihen der Herde. Für alles verantwortlich, was den Schafen passiert wie Klauenpflege; gute Weidegründe, gute Wege, Verletzungen pflegen, und vieles mehr.
In der Bibel finden wir immer wieder Urteile über die Hirten des Volkes. Je nachdem, ob sie gut für das Volk gesorgt haben, das Land befriedet haben und treu zu Gott gestanden sind, indem sie Götzendienste bekämpften.
Kommen wir aus der Vergangenheit wieder zurück auf „unsere Weide“. Was ist heute für einen Hirten angesagt? Ein Spagat zwischen Prinzipien und Meinungen, den Kopf hinhalten für Verfehlungen von anderen Hirten, für Frieden sorgen, den Schafen die Vorteile des Herdenseins schmackhaft machen, sich um verletzte Schafe (im weitesten Sinne) kümmern, für (geistige) Nahrung sorgen, und, und, und. Auch heute keine leichte Aufgabe.
Und da ist noch ein anderer Aspekt: durch die Taufe sind alle Mitglieder unserer Herde, also wir alle sind gesalbt zu Priesterinnen, Prophetinnen und König*innen. Das macht auch uns zu Hirten und mitverantwortlich für das Gedeihen der gesamten Herde. Es liegt auch an uns, was aus der Herde wird.
Damit haben wir eine Doppelrolle. Auch wir sind als Hirten für die Herde verantwortlich, aber wir sind auch Schafe der Herde. Also ruhig Blut und guten Mut: Unsere Verantwortung ist nicht so groß, dass wir sie nicht tragen könnten, denn es gibt heute wie damals den Guten Hirten, auf den wir uns verlassen können und der uns auf seinen Schultern trägt, wenn wir uns verlaufen haben oder nicht mehr weiter können.

Und noch ein freundliches „Määäh“ von eurem Mit-Schaf
Pastoralreferentin Karin Fritscher

Bild vom Guten Hirten, W. Klink 1936,
aus einem geschenkten Nachlass an die Gemeinde